Alte Pracht am Hohen Tor

Bisher ist neben dem Hohen Tor in Fürstenau noch ein Parkplatz, im Plan als Nr. 4 angegeben. (Foto: Werbegemeinschaft)
Luftaufnahme von 1955                                                                                                                      Hohes Tor ca. 1930

 

Karl-Heinz Dirkmann: Kemnadenhaus statt Parkplatz 

11. April 2015

pm/jp Fürstenau. Nicht nur Karl-Heinz Dirkmann macht sich Gedanken, wie so manch hässlicher Fleck aus dem Ortsbild verschwindet. Auf der bisher als Parkplatz genutzten Fläche neben dem Hohen Tor könnte sich der leidenschaftliche Historiker durchaus eine Seniorenresidenz in Form einer Kemnade vorstellen. „Dort ein ,Kemnadenhaus‘ zu errichten und gleichzeitig das 1898 abgerissene am Hohen Tor anliegende Torwächterhaus wiederherzustellen und als Haus der Geschichte Fürstenaus zu nutzen könnte eine Perspektive für den gegenwärtig wüsten Platz sein“, erklärt Dirkmann, der dieses Vorhaben in einer Arbeitskreissitzung am kommenden Montag vorstellen möchte. Mit dabei sind dann neben der Verwaltung und der Stadtstiftung der archäologische Arbeitskreis und Vereine wie Fürstenau Aktiv oder die Werbegemeinschaft. „Vielleicht findet sich dafür ein Investor?“, so Dirkmann.

Eine Kemnade gab es bereits in Fürstenau, wie im Stadtarchiv Fürstenau (jetzt im Staatsarchiv Osnabrück gelagert) nachzulesen ist. Dort ist Karl-Heinz Dirkmann bei seinen Nachforschungen fündig geworden: Am 29. Juni 1726 kaufte die Stadt Fürstenau die Kemnade samt Zubehör. Vollzogen wurde dieser Kauf jedoch erst im Jahre 1731.

Worum handelt es sich bei der Kemnade? Die von Schnetlage, Herren auf Lonne, sind die einzigen namentlich bekannten Fürstenauer Burgmannen. Ihr Burgmannssitz befand sich auf dem Eckplatz an den Schanzen/Schwedenstraße, der in einem Teilbereich seit einigen Jahren auch offiziell den Namen „Kemnade“ trägt.

Näheres über den Burgmannssitz geht aus zwei Kaufverträgen hervor. Am 7. November 1611 verkauft Rudolf von Schnetlage an Jobst von Vörden seinen „adelig freien Borgmanns Hof und Sitz Kemnade binnen dem Flecken Vorstenowe belegen samt dazu gehörigen nach beschriebenen Garten, Kämpfen, Wiesen. Item nachgesetzeter dreier Erben mit deren Zubehorungen“. Im Vertrag wird genauer beschrieben, dass der Burgmannsitz aus einem Hof bestand und aus einem Vorwerk. Er diente nicht nur als Wohnstätte, sondern war auch das südöstliche Verteidigungswerk Fürstenaus.

Graben sechs Meter breit

Vom Hohen Tor zu dieser Stelle verlief eine Mauer. Ein Wall und ein teilweise sechs Meter breiter Graben schützten diese Stadtseite. Es handelte sich um ein Allodialgut, das von „Steuern und Schatzungen frei war“ und Berechtigungen zur Nutzung von Heide, Drift (Weide) und Holz, sowie eine freien Mannssitz und einen freien Frauensitz in der Kirche besaß. Im Dokument werden ferner mehrere Besitzungen an Gartenland und Wiesen aufgeführt. Außerdem sind vier Erbhöfe dem Burgmannssitz abgabenpflichtig, die Bojemühle in Lütkeberge, der Hof Lammert Freye in Lonnerbecke, Rolfes zu Bedinghausen und Henrich Wessel in Hagenbeck.

Als Kaufpreis wurden 3830 Reichsthaler festgelegt. Da von Schnetlage noch erhebliche Schulden bei anderen genannten Personen abzutragen hatte und diese Zahlungen per Vertrag von dem Käufer Jobst von Vörden übernommen wurden, erhielt von Schnetlage nur 230 Reichsthaler ausbezahlt.

Eine Besonderheit, die den Namen „Kemnade“ erläutert, erfolgt am Schluss des Dokumentes. Es wird vermerkt, dass sich die Witwe von Schnetlage – die Mutter des Rudolf von Schnetlage – vorbehält, den Kachelofen aus der Stube der Kemnade„abzuziehen“. Kemnade ist der Name für ein mit einem Kaminofen beheizbares Gebäude. Ein solches dürfte in Fürstenau neben dem Wohnsitz des Bischofs auf der Burg wohl nur der Burgmannssitz gewesen sein.

Jobst von Vörden hat 1621 das Wohnhaus an den Fürstenauer Bürger Gerhardt Funhoff verkauft, der übrige Bereich war an Hans Hermann von Stockhausen als Erbburgmann übergegangen, der ihn 1726 an die Stadt Fürstenau veräußerte.

Vom 18. September 1642 stammt ein Dokument, das den damaligen Zustand der Kemnade beschreibt. Der Hof samt Gebäuden ist von dem FürstenauerCommandanten Wendeln Bergknecht verwüstet, die Erde für eine stärkere Befestigung der Schanzen und der Brustwehren abgefahren. Die Berechtigungen sind nicht beachtet und Einnahmen für Kriegszwecke verwendet worden. Zum Zeitpunkt des Berichts ist der Platz mit Einquartierungen belegt. Graben und Wall sind vergrößert, und dafür wurde das Gartengebiet weggegraben. Verteidigung in Kriegszeiten stand über Eigentumsrechten.

Für den Bau einer Kirche fertigte 1796 der Hollensteder Baumeister Wellinghoff Zeichnungen an, doch die Katholiken entschieden sich fürs Schloss

Fünf Hausplätze verkauft

Am 4. Mai 1734 veräußerte die Stadt Fürstenau fünf Hausplätze auf dem Gebiet der Kemnade. Sie waren zuvor mit einer Länge von 53 Fuß und einer Breite von 32 Fuß abgepfählt worden. Die Hausstellen wurden einzeln versteigert. Jedes Haus wurde mit zehn Reichsthalern angeschlagen. Die Versteigerung erbrachte der Stadt zwischen 23 und 37 Reichsthaler pro Platz, insgesamt 148 Reichsthaler. Das alte Kemnadenhaus besaß bereits Arendt Funhoff. Es handelt sich hierbei um das Haus mit der späteren Hausnummer 72. Die beiden nächsten Hausstellen mit den späteren Hausnummern 74 und 75 ersteigerte Arend Funhoff, der Sohn von Arendt Funhoff (Haus Nr. 72). Die beiden späteren Hausstellen 77 (Meister) und 78 (Vornholt) fielen an Johan Henrich Heuer und Jobst Henrich Müller. Der fünfte Hausplatz musste für die Verlängerung der Straße „An den Schanzen“ weichen. Ihn hatte Jacob Pape erworben, zuletzt wohnte dort die Familie Jütte. Das Gebiet der Kemnade umfasste folglich einen Teil des jetzigen Parkplatzes am Hohen Tor bis zum Stadtgraben an der Ecke Schwedenstraße/An den Schanzen alt und dort bis zum heutigen Haus des Tischlers Stein.

Bemerkenswert ist die Kemnade noch aus einem weiteren Grund. Als 1786 das Simultaneum, die Gleichberechtigung beider Konfessionen in Fürstenau beschlossen wurde, benötigte die katholische Gemeinde eine Kirche. Das Kemnadenhaus war inzwischen in den Besitz des Hollensteder Baumeisters Wellinghoff gekommen. Dieser bot den Platz für den Bau einer Kirche an und fertigte 1796 dazu auch Zeichnungen. Die katholische Gemeinde entschied sich jedoch nach endgültiger Umsetzung des Simultaneums 1803 für den Südflügel der Burg. Wellinghoff verkaufte Haus und Platz an Johan Moritz Berkemeyer.

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